Mathilde hatte ein schmuckes, rotbraunes Dach, ein kesses Giebelchen und einen lustigen
Löwenkopf über dem zartrosa angestrichenen Türmäulchen. Sie war die
erste im Viertel gewesen. Als man das Haus, das später "Mathilde" genannt
wurde, baute, waren da nur Felder und lehmige Wege gewesen vor der Stadt. Das ist nun
so etwa hundert Jahre her. Dann hatte sich mit den Jahren Haus um Haus dazugesellt,
neben ihr, gegenüber, vor und hinter ihr, nach und nach, all die anderen Häuser.
Eines Tages zogen Mathildes Bewohner aus und keine neuen zogen ein, kein Umzugswagen
kam vollgepackt angerollt, keine Schar trampelnder Kinderfüße beim
Hausbesichtigen und kein Poltern der Möbelpacker auf der Holztreppe. In den
ersten Tagen hoffte Mathilde noch auf neue Bewohner, denn in all den vielen Jahrzehnten
hatte sie noch nie so lange nutzlos leer gestanden. Doch als man nach Wochen ihre
Tür und die Fenster zunagelte, da wurde ihr klar, dass sie einsam und verlassen
bleiben würde ... und nicht nur das, man würde sie wohl über kurz oder
lang einfach abreißen.
Dann wurde eines Morgens der Bürgersteig vor Mathilde abgesperrt. Bis zum Abend
geschah weiter nichts, außer dass man vor Mathilde ein großes Schild
aufstellte. "Vorsicht, Einsturzgefahr!" stand darauf zu lesen. Die Nacht kam
und ein starker Regen setzte ein. Und mit jedem Tropfen, der auf ihre klapprigen
Dachpfannen klatschte, wuchs Mathildes Wut und mit der Wut eine Kraft, die so
groß wurde, dass sie gegen Mitternacht mit einem Mal ihre linke Hauswand hochheben
konnte, ein Stückchen nur, aber genug, um sie vom Kellersockel zu lösen.
Es gab ein hässliches Geräusch, ein Knirschen und Knacken; Mathilde bekam selbst
einen solchen Schreck, dass sie KRACKS auch ihre rechte Hauswand vom
Kellergeschoss abbrach. Als sie dann noch unter Getöse ihre Vorder- und Rückwand
losriss, wären die anderen Häuser fast umgekippt. Mathilde tat das einzig Richtige:
Sie handelte, bevor es zu spät war und nahm ihr Schicksal einfach selbst in die Hand.
Sie riss sich los und machte sich auf den Weg ...